Hotel am Bahndamm
Ist da ein Fenster oder ist da keines? Verbirgt sich dahinter Glas
oder ist es nicht eher so, dass sich das Glas vor das Fenster stellt?
Er blickt hinaus und meint, dass es wohl Letzteres wäre. Doch was
würde ein Vogel sagen, wenn er auf dieses Fenster zufliegt, bevor
er mit einem lauten Aufprall dagegen schmettert und in Ohnmacht
die meterhohe Hauswand herab fällt?
Was würde seine Frau sehen, wenn sie doch nur einmal ihren
starren Blick von ihrem Buch abwenden würde, um in den Spiegel zu
schauen? Würde es das gleiche zerfallene Gesicht sein, dass er
stets sieht? Man sagt ja oft, dass ein Spiegel die wahre Seele
eines Menschen offenbart, aber ist es im Grunde nicht genauso wie
mit dem Fenster; dass man einfach durch ihn hindurchschaut und sich
selbst nicht einmal erkennt?
Ihr Mann war sehr traurig darüber. Wenn sie es doch nur einmal
wagen würde, sich dem Spiegel zuzuwenden, damit sie sich erkennen
kann, ganz gleich, ob ihr der Spiegel verdrehte Tatsachen
offenbart. Denn egal aus welchem Winkel sich ihr Spiegelbild
ergibt, sie ist immer noch sie; dass sie wenigstens das erkennen kann
und merkt, zumindest physisch anwesend zu sein. Denn ihren Geist
kann er nicht mehr retten.
Gestern fiel es ihm per Zufall in die Hände, wobei es sich streiten
lässt, ob es wirklich Zufall war oder ganz einfach Schicksal. Es
waren viele Worte, doch jedes Wort war leerer als das andere,
jeder Buchstabe umso undurchsichtiger. Allein schon ein Wort,
unabhängig welches es war, verkündete eine traurige Nachricht.
Er konnte sie nicht aufhalten. Wollte er das überhaupt? … Ja. …
Warum er es nicht tat? … Es war nicht sein Recht,
darüber zu entscheiden. Er hielt es für falsch…
Der Vogel fliegt auf das Fenster zu, bevor er mit einem lauten
Aufprall dagegen schmettert und in Ohnmacht die meterhohe
Hauswand herabfällt. Seine Federn fliegen mit dem Wind davon.
Wird ein mancher seinen Blick aus dem Fenster werfen und nach
unten schauen, kann er ihn liegen sehen.
Rückfahrt